Die Liebe des Zentralbankers zum Durchschnitt

Zwei Details.

Intervention à discretion
Kurz nachdem die Untergrenze aufgehoben wurde, habe ich einmal versucht die Interventionen der SNB anhand der geldpolitisch wichtigen Daten nachzuvollziehen. Aussichtslos. Zwar gibt es diese Zahlen jeden Montag pünktlich um 9 Uhr. Aber dann bekommt man es mit einer Reihe von überlappenden Durchschnitten zu tun aus deren Kette man eigentlich gar nichts ableiten kann.

Erwartete Dynamik?
Ähnlich ist es bei der Inflationsprognose. Da werden lediglich Quartalsschnitte preisgegeben aus denen sich leidlich schwer der erwartete Teuerungsverlauf erkennnen lässt. Während dem laufenden und dem Folgequartal kann man folglich wenig ableiten, ob die beobachtete Dynamik den Erwartungen der SNB entspricht.

Regeln vs Diskretion
Beide Punkte, und sie sind zugegeben marginal, interpretiere ich als Konsequenz diskretionärer Geldpolitik. Die SNB ist damit nicht allein, ja sogar im eindeutigen Konsens. Pressekonferenzen sind voll von Zentralbankern, die sich nicht festlegen lassen.

Zwei Details dazu:

  • Der Diskretionsbedarf ist aktuell absolut berechtigt, aber eine Folge des geldpolitischen Ziels du jour (Inflation). Diskretion ist keine Grundeigenschaft der Geldpolitik.
  • Diskretion ist zweischneidig. Sie gibt der SNB Spielraum in der Gestaltung ihrer Geldpolitik. Gleichzeitig erschwert es Diskretion die geldpolitischen Ziele zu erreichen, da die wirtschaftlichen Akteure nicht genau wissen auf welche geldpolitschen Rahmenbedingungen sie denn reagieren sollen. Die aktuelle Debatte um den Liftoff des Fed ist eine besonders grelle Variante dieser generellen Unsicherheit.

Zu beiden Details dann später mehr.

Kritiker, nehmt die SNB beim Mandat!

Ex-SNB-Chefökonom Kurt Schiltknecht gibt ein NZZ-Interview voller zweifelhafter Vorwürfe. Man kann der SNB durchaus für ihre jüngere Geldpolitik angreifen, aber nicht so.

Unsinn 1: Die SNB vernächlässigt Gruppe XY

Sparer, Pensionisten, Exporteure, terre des hommes: Die SNB hat überhaupt gar keine Verantwortung gegenüber irgendeiner Anspruchsgruppe. Die SNB hat ein Mandat und gottlob lässt sie sich hauptsächlich von diesem leiten. Wenn die SNB wegen dieser oder jener Gruppe vom Ziel der Preisstabilität abweichen würde, wie wäre es da wohl um den Franken bestellt?

Unsinn 2: Die negative Inflation ignorieren, Zinsen heben!

Hier fordert man die SNB direkt auf ihr Mandat zu brechen. Man behilft sich dabei in der Regel mit dem Hinweis, das Bisschen negativ gibt noch keine Deflation.

Dieser Hinweis ist ein ablenkender Strohmann. Deflation ist doppelstellig! Sowas sieht doch kein Mensch. Mal sicher keiner in der SNB. Das ohnehin zu lockere Mandat der SNB verspricht lediglich positive Inflation unter zwei Prozent. Und sie verfehlt es.

Unsinn 3: Die negative Inflation, das sind die Energiepreise.

Das ist doppelt falsch.

Zum einen steht im Mandat der SNB der ganze Landesindex und nicht irgendein Teil davon. Sie müsste also laut Mandat auf Inflationsschwankungen jeder Ursache reagieren. Das wäre zweifellos unsinnig, aber spricht vor allem gegen das aktuelle Mandat als für eine Zinserhöhung.

Zum anderen ist Erdöl einfach nur irrelevant weil mittlerweile sogar die Kerninflation der Schweiz negativ ist. Je nachdem ob man jetzt BFS oder SNB nehmen will schon Jahre lang:

Lik_coreP.S.: Dieses Interview hätte man mit tausenden weiterer Kommentaroren aufnehmen können. Meine Kritik hat mit Herrn Schiltknecht nichts zu tun. Schön wär’s, wäre er allein mit dieser Sicht.

P.P.S.: Diese Liste ist selektiv. Das ganze Interview wäre dann doch zu viel des Guten.

Das Mandat der SNB verbessern

Im Mandat der SNB ist die Definition der Preisstabilität recht vage. Sie lautet: „Anstieg des Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK) von weniger als 2% pro Jahr„. Ein derart ungenaues Ziel erzeugt zweierlei Unsicherheiten für wirtschaftliche Entscheidungen.

Ungenaue Ziele lassen verschiedene Szenarien zu

Zum einen ist unklar mit welcher Inflationsrate man durchschnittlich zu rechnen hat. Das Mandat lässt prinzipiell alles zwischen 0 und 2 Prozent zu.
Zum anderen bleibt offen, ob die SNB verfehlte Ziele später wieder kompensiert. Wird sie also nach einem Jahr überdurchschnittlicher Inflation in den Folgejahren auf unterdurchschnittliche Inflation zielen, bis man wieder auf dem ursprünglich Pfad zurück ist?

Die inflationszielende Geschichte der SNB illustriert beide Punkte:

likSeit der Einführung des Inflationsziels zum Jahrtausendwechsel bis zum Sommer 2011 lag die durchschnittliche Jahresinflation laut Landesindex der Konsumentenpreise knapp unter 1 Prozent (orange Linie; Durchschnittswert der Kerninflation unterscheidet sich kaum). Seither ist sie praktisch bei Null. Beide Entwicklungen sind mit dem Mandat von „weniger als 2 Prozent“ absolut vereinbar.
Und wie geht es weiter? Zurück zum 1-Prozent-Schnitt? Bleiben wir bei Null? Oder gibt’s sogar etwas mehr um wieder Richtung orange Line zurück zu kehren? Schwer zu sagen.

Wir müssen uns aber für ein Szenario entscheiden

Für wirtschaftliche Entscheidungen ist dieser Spielraum nicht die beste Lösung. Jede Entscheidung zwischen Sparen und Konsum enthält eine Annahme über die reale Kaufkraft des Geldes. Wenn meine Annahme nicht stimmt, habe ich mein Geld nicht optimal eingesetzt. Ich hätte daraus mehr Nutzen ziehen können.

Real bedeutet hier welches Konsumvolumen ich einsparen muss um ein bestimmtes Gut zu kaufen.

Zum Beispiel kostet mich ein extra Kinobesuch nominal 17 CHF. Real kostet er mich ca. 2 Packungen Zigaretten.

Nun stell dir vor ich leihe mir die 17 CHF für den Kinobesuch für ein Jahr von der Bank. Ich gehe heute ins Kino und kaufe zwei Packungen Zigaretten. In einem Jahr muss ich der Bank 17 CHF plus Zins zurück zahlen.

Weil es der Teufel so will steigt die Inflation in genau diesem Jahr auf 100 Prozent. In einem Jahr kostet der Kinobesuch also 34 CHF, die Packung Zigareten 17 CHF. Da mein Lohn in etwa mit der Inflation anstieg, kann ich auch in einem Jahr entweder einmal ins Kino gehen oder zwei Packungen Zigaretten kaufen.

Der zentrale Unterschied ist aber, dass ich in einem Jahr zwar nominal 17 CHF (plus Zinsen) an die Bank zurückgeben muss, real dafür aber nur noch etwas mehr als 1 Packung Zigaretten aufgebe. Hätte ich das schon beim ursprünglichen Entscheid gewusst, hätte ich wohl noch mehr Geld geliehen, die Bank hätte einen höheren Zins verlangt usw. Durch die Unsicherheit über die Inflationsrate hat niemand optimal entschieden.

Die SNB sollte sich entscheiden

Ja, der Unterschied zwischen 1 oder 2 Prozent ist nicht übermenschlich. Die Kosten der Abweichung der erwarteten von der eingetretenen Inflation damit kaum apokalyptisch.

Trotzdem: Es ginge besser. Und die Politik könnte es relativ einfach verbessern in dem sie der SNB ein klares Inflationsziel setzt. Ob das nun 1, 1.5 oder 2 Prozent sein müssen, ist aus dieser Perspektive zweitrangig.

Statt einem Inflationsziel könnte man besser noch ein gleichwertiges Preisniveauziel einsetzen. Was das genau sein soll ist Stoff für einen zukünftigen Post.

Am allerbesten wäre es aber gar nicht erst auf den Preisindex zu schauen. Auch das später.