Ist der Franken eine Fluchtwährung?

Der Franken sei eine „Fluchtwährung“ ist eine häufig genannte Begründung für den starken Wechselkurs. Krisengeschüttelte Europäer suchen den sicheren eidgenössischen Hafen. Das hiesige Bankensystem bietet eine elegante Brücke. Vollständig überzeugen kann diese Hypothese allerdings nicht. Die Schweizer Kapitalbilanz zeigt bestenfalls vereinzelte Hinweise auf Flüchtlinge.

Spurensuche in der Kapitalbilanz
Die Kapitalbilanz besteht aus drei Teilen: Direkt-, Portfolio- und übrigen Investitionen (v.a. Bargeld und Kredite). Eine Kapitalflucht in den Franken müsste auf der Passivseite auftauchen. Die weitaus grösste Position sind dort die übrigen Investitionen (konkret Bargeld & Einlagen), die etwa zwei Drittel der Passivseite der Kapitalbilanz ausmachen. Die Direktinvestitionen steuern etwa einen Viertel bei, Porfoliobewegungen den Rest.

Auch bei näherem Hinsehen finde ich kaum Hinweise auf das Fluchtmotiv (Datenquelle). Die Trends, die man mit blossem Auge zu erkennen meint beginnen bereits 2006/2007. Deutlich vor der Frankenstärke oder der Finanzkrise. Der Franken beginnt seinen Steigflug zum Jahreswechsel 2009/2010. Er steigt dann mal schneller, mal langsamer aber durchgehend bis zur Einführung der Untergrenze im September 2011.

BOP-CAP-Passiv

Zu den Details: Bei Direktinvestitionen scheint die Dynamik von nun reinvestierten Erträgen herzurühren (nicht dargestellt). Allerdings waren Direktinvestitionen auch ein ungewöhnliches Eingangstor für Fluchtgelder.

Die intuitiveren Möglichkeiten sind Anlagen in Schweizer Wertschriften oder Bargeld. Ersteres ist Teil der Portfolioinvestitionen.

BOP-CAP-Portfolio-PassivFlucht in Anleihen?
Bei den Dividendenpapieren sieht man bis auf einen Spurt 2011/12 nichts, was nicht schon vorher dagewesen wäre. Das Fluchtmoment bei den Portfolioinvestitionen ist anderswo: Die Anleihenbestände ausländischer Investoren verdreifachen sich vom Jahresbeginn 2010 bis zur Jahresmitte 2011. Es ist die Hochphase der Eurokrise. Allerdings fallen die Bestände schon zum September 2011 wieder stark zurück. Grundsätzlich passt dieses Timing aber sehr gut mit dieser Epsiode der Frankenstärke zusammen. Für die aktuelle Hausse können Anleihen jedoch keine Rolle spielen.

Flucht in Bargeld?
Bleiben die Bankeinlagen und das Bargeld ausländischer Investoren; immerhin die grösste Position auf der Passivseite der Schweizer Kapitalbilanz.BOP-CAP-Other-passivAuch diese Position liefert wenig Hinweise auf Fluchtmotive als zentrale Kraft hinter der Frankenstärke. Zwar gibt es Zuflüsse für ein Jahr ab dem Sommer 2011. Im Sommer 2011 und dem zweiten Quartal 2012 haben starke Einlagenzuflüsse sicherlich auch SNB Interventionen ausgelöst. Grundsätzlich haben diese Zuflüsse aber ähnliche Volumina wie zwischen 2001-2006.

Zusammenfassend gibt die Passivseite der Schweizer Zahlungsbilanz wenig Hinweise für eine Flucht in den Franken. Ausländische Investitionen in Schweizer Anleihen in der Hochphase der Eurokrise könnten eine Rolle gespielt haben. Die Bargeldzuflüsse ab Sommer 2011 sind beachtlich, aber nicht ohne Vorgänger. Allein wegen höherer Frakennachfrage aus dem Ausland musste die SNB ihre Bilanz nicht ausweiten. Die Triebkraft hinter der Frankenstärke liegt auf der Aktivseite.

Weiterlesen: Pinar Yeşin von der SNB hat ein Forschungspapier zum Thema.

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5 Gedanken zu „Ist der Franken eine Fluchtwährung?“

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